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Alexander und Timofey

 

Oh, Jugend

 

Oh, Jugend, wie bist Du so schön“, hörte ich als Abiturient einen Song des Sängers und Komikers Otto Reutter, (1870-1931), von knarzender Schallplatte und erinnerte mich, warum auch immer, nach dem Besuch bei Alexander und Timofey und ihrer Mutter an einem regennassen Novembertag beschwingt und heiter daran.

  

Es mag an der Offenheit und Leichtigkeit der Atmosphäre gelegen haben, die ich in der Familie, der Vater war noch arbeiten, vorgefunden habe, als ich mit meinem Zwillingsbruder zum Kennenlernen und Befragen am Küchentisch saß und immer wieder in die Keksdose mit den ersten selbstgebackten köstlichen Weihnachtsplätzchen griff und von der Mutter erfuhr, (eine geborene Russin und Deutschlehrerin aus Leidenschaft), dass sie glücklich sei, Zwillingsbrüder zur Welt gebracht zu haben, Jungs, wie es ihr Herzenswunsch gewesen war. Glanz strahlt sie aus, ein irdischer Engel, der zum Wünschen offensichtlich einen engen Bezug und Zugang hat und mit sich ganz und gar im Reinen ist.

 

Die Geburt der beiden Brüder, Alexander und Timofey, war nicht einfach, aber mit ihren neun Jahren sieht man ihnen nichts mehr von den Schwierigkeiten an, wenn sie sich im Spiel als edle Ritter fühlen und entpuppen.

 

Ihren Planeten, informiert ihre Mutter, beherrschten derzeit Ritter, Drachen und Playmobil, eine interessante Mischung, wie ich voller Verständnis für ihre Wahl empfinde, etwa, wenn die Mutter zum Plätzchen ausstechen animiert, indem sie die Zwillingsbrüder in ihre „Burg- oder Ritterküche“ einlädt und das hölzerne Waffenarsenal gegen Backförmchen ausgetauscht werden muss.

 

Luftballons schweben über der tatsächlichen Ritterburg der Beiden, die nichts zu wünschen übrig lässt, luftige Reste vom letzten Geburtstag, zu einem Trio zusammengeknotet.

 

Zum Fotografieren hockt sich der eine Zwillingsbruder in den Burghof, der andere hinter die Türme, stolze Besitzer, bebrillt und in Zivil, die auch im Kindergarten immer eng beieinander sind, weil selbst das Spielen des einen ohne den anderen nicht geht und auch nur der Schlaf in ein und demselben Bett in die Tüte kommt und allein zu sein für keinen der beiden eine Option ist.

 

Ihr Miteinander, beobachte ich, hat etwas liebenswürdig Verschwörerisches und Zärtliches, Alexander, ein Leidensgenosse, denke ich, der hinkende Dichter, der sich ein wenig langsamer als der Bruder Timofey bewegt.

 

Er ist der Ältere, wenn es auch nur eine Minute ist, musikalisch, ein gutgelaunter, zufriedener Träumer, der stetig summt und in sich hinein singt, als unterhalte er seine Lebensgeister, während Timofey es wohl nicht so mit plaudern hat, als führe er mit sich kluge Selbstgespräche, und dem Bruder womöglich eine Art selbst ernannter Aufpasser sein möchte, ein aufmerksam äugelnder Leuchtturm.

 

Ihr fleißiger Vater bringt die Zwillingsbrüder mild, aber konsequent zum Sport, Radfahren und Schwimmen, weil er selber ein begeisterter Sportler und Vater ist, der studiert und arbeitet, arbeitet und studiert und mit der Familie gern verreist, im Sommer oft nach Italien, wo es natürlich auch Ritterburgen als Besucher zu besichtigen und zu erobern gibt.

 

Oh, Jugend, wie bist du so schön, “ werde ich mich später erinnern.

 

Mein Zwillingsbruder, ein Zeichner und Maler, zückt die Kamera, fängt bildnerisch die Zwillingsbrüder Alexander und Timofey ein, die auch auf Fotografien identische Kleidung tragen, ohne uniform zu wirken. Auf einem z.B. posieren sie in einem Birkenwald, zum ersten Mal zu Besuch in dem Land, das Mamas Geburtsland ist.

 

Irgendwann werden sie Fragen stellen, denke ich, irgendwann nicht mehr die gleichen Sachen tragen wollen, aber beide zweisprachig Deutsch und Russisch sprechen können und nicht mehr wissen, wie leicht und spielerisch sie Wörter und ihre Bedeutung erlernten, wie leicht die unterschiedliche Grammatik.

 

Sie werden noch immer Zwillingsbrüder sein und jeder für sich wird sich vielleicht fragen, ob die Liebe das Leid liebt. Vielleicht werden sie gemeinsam eine tröstliche Antwort finden. Oder auch nicht. Aber wissen, dass sie einander blind vertrauen können, denn ohne den einen gäbe es auch den anderen nicht und umgekehrt.

 

Oh, Jugend, wie warst du so schön, “ werden sie dann vielleicht denken und froh und dankbar sein, in ein und demselben Traum zu erwachen, ein jeder für sich noch immer liebenswert, tapfer und ritterlich.

 

michael starcke