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Veröffentlichungen

Am Erker Zeitschrift für Literatur Nr. 70

 

Wanderungen

 

Daedalus Verlag 2015

 

ISBN 978-3-89126-308-2

 

Wanderungen durch meine Geburtsstadt Erfurt S. 20

 

Mein Frau musste ich nicht überreden, mit mir Erfurt, die Stadt meiner Geburt, zu  besuchen.

 

 Manches, was ich ihr aus meinem kindlichen Erinnerungen erzählte, war ihr längst ein Begriff, etwa Dom und Severi oder die Krämer-Brücke oder das Apothekenhaus meines Vaters, in dem heute eine Fahrschule residiert.

 

  Wir beschlossen, so weit es mir mit meinem lahmen Bein möglich war, die Stadt zu erwandern und die Blicke schweifen zu lassen, ein Gedankenflug und für mich viele Augenblicke des Wiedersehens, nachdem ich die Stadt im Alter von zehn Jahren an den Händen von Mutter und Vater verlassen hatte.

 

  Verwundert, wie schnell ich mich zurechtfand, begegneten wir neugierig und wenig befangen Erfurts alten Gassen, durch die wie eh und je die Straßenbahnen rumpeln. Manche Häuser kamen mir vor wie vertraut, andere, als hätten die Zeit und der Tod sie vergessen, mancher Kirche ähnlich, die mir verschlossen blieb.

 

  Es war nicht schwer, an dem, was ich noch wusste und wiederfand oder auch nicht, Gefallen zu finden, auch an diesem Gehen, das anders als damals als Kind, am Stock, unbeholfen, aber bewusster das Katzenkopfpflaster wahrnahm.

 

   Mittendrin sind es Wissen und Ungewissen, die um eine Pause bitten, das Spüren bzw. Nachspüren, manchmal mit einem einvernehmlichen, ein anderes Mal mit einem bitteren Lachen.

 

 Später, das neue Erinnern im Reisegepäck, denke ich, dass seine helle, empfindliche Haut ein anderes Licht wirft als das des verhangenen Himmels, durch den sich die Sonne Bahn bricht, und dass meine Gedanken, mit dem stumpfen Glanz der Bilder Erfurts gewaschen, sich und mich verändern und verloren geglaubter Kraft auf die Beine helfen können.

 

  Denn es ist mein Leben, erkenne ich im Gehen, das sich nicht zurücknehmen lässt, aber zurückgefordert werden wird, gnädig wie unsere verklingenden Schritte, die in den schmalen Straßen verhallen, als wären wir hier nie gewesen.