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Konzentrierte Beiläufigkeit

 

Ein neuer Gedichtband von Michael Starcke

 

Buchbesprechung

von Ralph Köhnen aus "fusznote" Bochumer Literatur, Heft 9 / 2015, ISSN 2191-3455

Was tut ein Apotheker? Er mischt Substanzen, die den Menschen gesunden lassen, seine Körperkraft vergrößern, sein Wahrnehmungsvermögen erweitern sollen. Was tut ein Lyriker, der von Beruf Apotheker ist? Wenn es gut geht, kümmert er sich um Mischungsverhältnisse, um Form und Substanz, Farbe, Masse und Körnigkeit von Wörtern, aber auch um ihrer Zwischenräume, ihre Verhältnisse untereinander, kurz alles, was Nietzsche einmal als „Beziehungssinn“ bezeichnet hat. Oder er hat es gar auf eine alchimie du verbe abgesehen, jene gesteigertere Variante, die der französische Hochromantiker Arthur Rimbaud beschwor als etwas Unberechenbares, Höherstimmendes des Wortes, das eine Meeresfahrt und Höllenreise zugleich ermöglicht.

 

Solche Überhöhungen hat Michael Starcke, der sich mit verbalen und phamakologischen Substanzen auskennt, weniger im Sinn, wenn auch durchaus im Hinterkopf. Seine Erkundungen zielen stärker auf alltägliche Wahrnehmungen, hinter denen ein größerer Zusammenhang aufscheint und denen er mit seinen Texten einen Raum geben will. Dass Lyrik aus dem Geist der Musik stamme und das zur Leier Gesungene feiere, gehört zu den Schulweisheiten, die von allem von der Singbarkeit und Lautung der Poesie künden. Sie kann aber auch – was seit Erfindungen des Buchdruckes mit beweglichen Lettern immer wieder probiert wird – aus der Optik hervorgehen. Seit vielen Jahren insistiert Starcke auf der kurzzeiligen, linksbündigen Anordnung, um eine Lücke in die Abläufe zu bringen, die durch die Worteinschreibungen geöffnet werden soll. Das Wort bekommt Raum auf dem Papierweiß, der auf Leere und Fülle kalkuliert ist und im genauen Ausschnitt das Detail hervorkommen lässt. Die konsequente Kleinschreibung setzt Vorentscheidungen über der Bedeutung und Hierachie außer Kraft.

 

In diesem Sinne der Buchstabenaufmerksamkeit ist Starckes Lyrik konkret – manchmal dinglich konkret wie etwa die Gedichte des Amerikaners William C. Williams, die noch eine rote Schubkarre auf der Straße verehren. Vor allem ist sie aber phänomenkonkret, sie ist exakt dahingehend, wie uns ein Ding in Sprache erscheint, und im nächsten Schritt bewusst spekulativ darin, was dieses als Wortmaterial neu zu denken gibt. Es geht dann darum, ungelöste Rätsel an den „randgebieten“ der Erfahrung zu sichten, nicht sie fortzuschaffen – und die solcherart Suchenden sind dann „von oben gesehen / winzige punkte / auf einer landkarte, / die zu verschwinden drohen“. Auch darin reklamiertet die Optik ihr Recht, allerdings eines auf Verschiebung, auf den permanenten Richtungswechsel – erinnert der Blick hier an die Möglichkeiten des Zoomens mit Google Earth, ist er doch kaum zur Überschau oder zur Beherrschung eingesetzt, sondern als eine Heuristik dafür, die Perspektive zu drehen und auch in die Rolle des angeschauten Gegenübers zu schlüpfen.

 

Zwischen stillgestellten Bildern und Bewegungsmotiven werden in Starckes Lyrik Erfahrungsräume ausgelotet. Wenn es heißt: „nass glitzert asphalt, / wie eine achtlos / hingeworfene Münze“, werden damit kulturrelle Errungenschaften (Geld) mit technischen (Straße) sinnlich konkret verschmolzen und zugleich reflektierbar gemacht. Sehen beinhaltet dann auch meistens eine Gehbewegung: „Es folgt uns der weg, / auf dem wir gehen, / aufmerksam wie ein versprechen, / das uns beim wort nehmen wird.“ Hoffnungen sind auf diesem Weg zu entwickeln, der nicht vorab zu haben ist; Bilder des eigenen Zustands im Draußen bleiben immer noch zu entdecken. Hermetisch ist das nicht, sondern ganz unverstellte, schöne Selbstkunst im Wort.

 

 

Ralph Köhnen

schwierig

 

schwierig,

näher an die welt zu treten,

als beabsichtigte man, sie

vor die lesebrille zu bekommen,

einen einzigen augenblick

anstatt ihres wahren gesichtes.

 

man sagt, die wahrheit läge

auf der straße, vielleicht hängt

sie auch zwischen zweigen,

an denen regentropfen

blitzen wie gestirne

oder sie wird wie ein paar schuhe

aus dem meer an land geschwemmt,

wo es verlassen ist.

 

das persönliche leben

beziffert womöglich

die ungezählte anzahl von

fragezeichen, eine spur, die sich

mit dem tod von selbst tilgt

oder im kellerräumen spukt,

die verhöre nicht vergessen.

 

schwierig,

die handschrift leerer hände

zu entziffern, schuld zu schultern

wie einen verstimmten kontrabass.

 

Michael Starcke: vom oben winzige punkte.

Neue Gedichte, Früher Vogel Verlag,

Bochum 2014, 69 S., 14,80 €


 

von oben winzige punkte von Michael Starcke

 

Buchbesprechung

von Katrin Zill, Autorin, April 2015

 

Es ist wie ein Innehalten, ein Nachsinnen über sich und die Welt, bevor man weiter seiner Wege geht. Und es schwingt ein wenig Abschied mit. Michael Starckes Lyrikband „von oben winzige punkte“, erschienen im Früher Vogel Verlag Bochum, nimmt seine Leser mit auf eine Reise durch „vertraute Räume und Zeiten“(Klappentext), deren Ausgang jeder für sich selbst findet.


Das Cover, gestaltet von Christoph Lammert aus Bochum, könnte ein Blick von oben aus dem All auf unseren Planeten sein, auf dem wir uns wie winzige Punkte bewegen. Kräftige Farben leuchten dem Leser entgegen, verheißen einen Ausflug in die Welt zwischen den Buchdeckeln.


Tatsächlich ist es ein Blick auf die Gesellschaft und auf sich selbst, die sich im Inneren des Buches offenbaren. Unverblümt, kritisch, ohne Maskerade, dennoch behutsam zieht der Autor Bilanz und fragt, „was bleiben könnte im Angesicht des Abschieds“ (Klappentext). Und gibt dabei das Versprechen ab: „genauer hinschauen, / genauer hören, / bis es endet“ (der augenblick).


Wagt man sich tiefer hinein, übermannen einen oft melancholische Gefühle. Als würde der Herbst des Lebens nicht nur Erinnerungen wecken: „manchmal möchtest du / niemand mehr sein / im herbst der welt“ (manchmal möchtest du). Es heißt stehen zu bleiben und nachzudenken; „kein haus wurde je gefragt, / ob es bleiben will, / während seine bewohner / selbst noch im schlaf / auf reisen gehen.“ (kein haus wurde je gefragt).


Michael Starcke reflektiert unser Dasein auf seine besondere Art. Gekonnt fasst er Wahrnehmung in Worte, stellt Fragen, die kaum beantwortet werden können, aber die Denkmaschine in Bewegung setzen. In „von oben winzige punkte“ geht er durch Jahres- und Lebenszeiten, blickt zurück und sieht nach vorn und lässt dabei seinen Lesern den Raum, den sie brauchen, um eigene Gedanken zu formen.


Es ist eine Auseinandersetzung mit der Welt, „schwierig, / näher an die welt zu treten“(schwierig), die keine vorgeformten Antworten liefert. Und immer wieder die Frage nach dem Sinn: „manchmal, wenn es still ist, / höre ich stimmen. / ein echo auf die frage / was sinn macht, was nicht.“ (manchmal, wenn es still ist). Und beinah unscheinbar formt sich der Gedanke, was Freiheit einem Lyriker bedeutet, der sich weder „verkleidet“, noch ein Blatt vor den Mund nimmt, „um wenigstens frei / zu sein auf dem papier.“ (wenigstens frei).


 

Michael Starckes „von oben winzige punkte“ ist ein tiefgründiges Buch, für das man sich Zeit nehmen sollte, um es zu erleben. 

 

Mit freundlicher Genehmigung

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Katrin Zill, Autorin, April 2015


 

tröstlich die grüne Decke  von Michael Starcke


Buchbesprechung

von Klaus Märkert, Autor, August 2013

 

Der erste Eindruck, der Buchumschlag, das Titelbild. Es entsteht das Gefühl, etwas Wertvolles, Langlebiges in den Händen zu halten. Keines dieser Bücher, die kaum ausgelesen, aus der Erinnerung entschwinden, als hätte man nie auch nur einen Blick hinein getan. Hinter den Buchdeckeln öffnet sich die lyrische Gedankenwelt von Michael Starcke. Seine Themen sind: Werden – Wachstum – Sterben. Wieder und wieder. Eindringlich. Naturverbunden. Trost spendend im Augenblick des Abschieds. Ermunternd, sich Zeit zu nehmen, die Dinge zu sehen, wie sie sind, auch wenn kurzzeitig „armselige hauptsachen“ (ein orangefarbener Bauwagen) die Sicht nehmen auf „wunderbare nebensächlichkeiten“ (Naturgeschehen), wie im Gedicht heute, am 1. Juni so wunderbar trefflich beschrieben.

 

Als "schäfer der worte"  bezeichnet sich Michael Starcke selbst im zug der regenwolken und wie könnte man das, was ihn als Autor ausmacht, in ein schöneres Bild kleiden?

 

nun schaue ich / auf die erwachende welt, / als ließe sie sich / gefangen nehmen / in einem kamerakasten ...“ 

unterhaltsame freunde zeigt beispielhaft für Michael Starckes Lyrik, mit welch fein gewobenen Humor die häufig melancholische Grundstimmung durchbrochen wird. Beinahe nebensächlich und darum umso beeindruckender.

 

tröstlich die grüne decke ist ein Kleinod an lyrischem Schaffen, dessen Bilder bleiben. Möge Michael Starcke seiner Herde noch lange mit gleicher Sensibilität, Ausdruckskraft, Güte und Freude voran gehen!

 

Mit freundlicher Genehmigung
Mit freundlicher Genehmigung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Klaus Märkert, Autor, August 2013